Von Cloudkosten, hybrider IT und der Kunst, weniger mehr sein zu lassen
IT-Dienstleister leben davon, ihren Kunden etwas zu verkaufen. Bei der VENDOSOFT GmbH scheint das anders zu sein. Die Experten für Microsoft-Lizenzierungen raten mitunter von einer Neuanschaffung oder Cloud-Lösung ab. Dazu im Interview: Joyce Studier, SAM-Profi und seit über 10 Jahren Microsoft Licensing Professional bei VENDOSOFT.
Frau Studier, erkennt man gute IT-Beratung gerade daran, was sie nicht verkauft?
Joyce Studier: Gute IT-Beratung beginnt nicht mit einem Produkt, sondern mit dem Bedarf. Was ist vorhanden, wie lange soll und kann es genutzt werden, wer braucht welche konkrete Anwendung? Wenn ein bestehende Infrastruktur ihren Zweck erfüllt, gibt es keinen Grund, sie gegen neuere Versionen auszutauschen. Und wenn eine Kauflizenz wirtschaftlicher ist als ein Abo, dann empfehle ich die Kauflizenz. Beratung sollte Wahlmöglichkeiten schaffen, nicht Kunden in ein bestimmtes Modell führen.
Wie bewerten Sie „Cloud first“-Strategien?
Cloud first wird teuer und führt zu Abhängigkeiten, wenn Unternehmen nicht mehr hinterfragen, welche Workloads überhaupt in die Cloud gehören. Teams oder Exchange Online können enorme Vorteile bringen. Das heißt aber nicht, dass deshalb die gesamte IT folgen muss. Viele unserer Kunden etwa nutzen Microsoft 365, betreiben ihre Server aber weiterhin On-Premise. Unser Ansatz ist, für jeden Anwendungsfall die sinnvollste Lösung finden.
Beim Vergleich Cloud versus On-Premises wird häufig mit Kosten pro User und Monat gerechnet. Greift das zu kurz?
Deutlich. Entscheidend sinddie Kosten über die gesamte Nutzungsdauer. Deshalb rechnen wir Szenarien durch: Wie viele Anwender brauchen welche Funktionen? Welche Software ist vorhanden? Wo kommen Kauf- oder Gebrauchtlizenzen infrage? Ein Beispiel, wohin das führen kann, ist unser mittelständischer Kunde Ernst REINER GmbH: Der von VENDOSOFT vorgeschlagene Mix aus neuen, gebrauchten und vorhandenen Lizenzen in Kombination mit M365 sparte hier 240.000 Euro Kosten ein. Es steckt also Potenzial in einer individuellen statt pauschalen Lizenzstrategie.
Alte Produktionssysteme neben Microsoft 365, Linux kombiniert mit Cloud und lokalen Windows-Servern. Ist heterogene IT ein Problem?
Heterogenität halte ich weder für schlecht, noch für problematisch. Gerade in produzierenden Betrieben, wie wir sie oft beraten, haben Maschinen und Anwendungen lange Lebenszyklen. Wenn eine abgeschriebene Anlage zuverlässig arbeitet, warum sollte man sie für eine einheitlichere IT austauschen? Entscheidend ist, alte und neue Welten sicher zu verbinden und korrekt zu lizenzieren. Für mich ist genau diese Wahlfreiheit auch ein Teil digitaler Souveränität.